2022

Das Jahr seines 30. Geburtstages… So unglaublich!
Ich sehnte diesen magischen Geburtstag herbei, hatte ziemlich Sorge, dass uns das Schicksal irgendeinen Streich spielen würde – was es aber nicht tat. Fàscino wurde stolze 30 Jahre alt.
An diesem Tag saß ich auf dem völlig freien Fàsci und wir drehten eine Runde über die Wiese und durch den Teich. Es war so schön!
Mehr dazu hier.

Die Zahnärztin kam und war echt überrascht, wie gut sein Gebiss noch aussah – alle Zähne vorhanden, wenn auch glatt wie Porzellan. Das zeigte sich auch am Heu, das er immer schlechter fressen konnte.

Da das Wetter nicht mitspielte (Februar…) und Corona weiterhin alles im Griff hatte, überlegte ich, seinen Geburtstag im Mai / Juni etwas größer zu feiern und hierzu viele frühere Wegbegleiter einzuladen.
Irgendwie tat ich das aber nicht, irgend etwas hielt mich davon ab.

3 Wochen später stand er da mit glasigem Blick und vier Elefantenfüßen. Beginnende Herzinsuffizienz. Mit einem Arm voller Medikamente bekamen wir ihn wieder einigermaßen ins Lot, aber ab nun legte er kein Gramm mehr zu und hatte, insbesondere als es wärmer wurde, wiederholt Schwierigkeiten mit der Atmung und schließlich Wasser in der Lunge.
Dennoch strahlte er mich immer leuchtenden Augen an und wir genossen unsere gemeinsamen Momente immer mehr – ahnend, dass die Uhr tickte.

Und sie tickte immer lauter. Fàsci, der sowieso nie rund war, wurde zusehends magerer. Alles, was beim Zunehmen geholfen hätte, nahm er nicht an, aber immerhin mochte er immer noch Hafer, Müsli und Mash. Mais- oder Heucobs rührte er nicht (mehr) an, Sojaschrot hingegen mochte er und fraß er gerne. Und Gras!! Heu wurde immer schwieriger, Gras hingegen fand er super. Aber damit hält man 600 kg Pferd (naja, 600 waren es schon lange nicht mehr…) ja nicht mehr rund…

Ende Juni besprach ich mich mit einer wunderbaren Tierärztin, die ihn kannte, ob sie es für richtig hielte, ihm diesen Sommer noch zu gönnen, da er immer im Winter abbaut – und er hatte jetzt einfach nichts mehr zum Abbauen. Er kam langsam in das Stadium, in dem ich ihn nie sehen wollte und in mir wuchs die Angst, den Zeitpunkt zu verpassen, ihn mit Stolz und Würde gehen zu lassen. Aber ich brauchte sein Ok, und das hatte ich bislang nie bekommen. Nicht nach dem Unfall mit 19 Jahren, und auch danach nie. Ohne würde es nicht gehen, ohne würde ich ihm niemals dabei in die Augen sehen können. Und ich nicht mehr in den Spiegel.
Die Tränen liefen, während ich mit ihr sprach, und als wir zurück kamen und ich ihn ansah, gab er sein Ok. Unglaublich. Natürlich hatte er wie immer alles mitbekommen, und nun bekam ich sein Ok.
Ich hinterfragte das noch etliche Male, aber er blieb dabei.
Er war müde.

Und so beschloss ich, ihm den Sommer auf der Weide noch zu gönnen und ihn gegen Ende August / September gehen zu lassen.

Das sind aber solche Zeitbegriffe, die Pferde nicht haben, und so baute er kurz nach diesem Tag noch einmal sichtlich ab. Die Herzinsuffizienz wurde wieder schlimmer, das Wasser in der Lunge übertönte phasenweise die Herztöne. Und viel zu plötzlich war klar, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt – und wir auf einmal nicht mehr von Monaten, nicht mehr von Wochen, sondern auf einmal von Tagen reden. Es kam viel zu schnell und schockierte mich ziemlich, aber die ganzen vielen Jahre mit Pferden und so vielen Tieren haben zum Glück auch dazu geführt, trotz aller Emotion noch klar und für das Pferd denken zu können. Und so wurde ein Termin gemacht.

Das alles ging auf einmal so schnell… Und dann schrieb mein Tierarzt 3 Stunden vorher, er habe sich Corona eingefangen… Und wir bekamen einen Aufschub von fast einer Woche, über den ich so glücklich war. Allerdings schwang immer die Sorge mit, dass Fàsci diese Zeit nicht mehr schafft.

Schließlich war der Plan 12. Juli abends, weil ich am nächsten Tag nicht arbeiten musste. Am 11. Juli machten wir ganz bewusst die letzten, so schönen Fotos.

Natürlich schaffte er sie. Ich wusste bis zum Tag X nicht, ob mein Tierarzt wirklich würde kommen können, aber am Vormittag schrieb er „Ich bin wieder am Start. Passt 15.30 Uhr bei Ihnen?“ – und ich, die ich die ganze Zeit auf Dienstagabend eingestellt war, war wieder schockiert, weil das nun plötzlich so schnell ging. Ich durfte früher aus dem Büro weg, und diese letzten eineinhalb Stunden mit Fàsci gehören mit zum Schönsten, was wir je gemeinsam erlebt haben.
Umhüllt von einer Wolke aus Liebe bewegten wir uns auf dem Hof, er lief die ganze Zeit frei, ging tatsächlich drei Mal zu dem Platz, an dem wir ihn ablegen wollten (da ging er sonst nie hin), er wusste wie immer Bescheid, zeigte mit jeder Faser sein Einverständnis und war mir so verbunden wie gefühlt nie zuvor. Wir waren so innig, so vertraut, so eins, es war unbeschreiblich.

Der Tierarzt kam, Fàsci kam ohne Halfter, ohne Strick, mit, und dann erlebte ich das würdevollste, „schönste“ Einschläfern, das ich je gesehen habe. Ich bin meinem wundervollen Tierarzt, der uns vor 20 Jahren kennenlernte, indem er Fàsci ein Gesundheitszeugnis für unsere erste HANSEPFERD-Galashow ausstellte, so unendlich dankbar, dass er Fàsci einen solchen Tod ermöglicht hat.

Für viel mehr fehlen mir im Moment noch die Worte. Ich bin einfach nur dankbar. Dankbar dafür, den sichtlich richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben; dankbar dafür, dass sein Sterben so ruhig, so gut ablief; dankbar dafür, dass ausgerechnet dieser Stall sein letzter war, in dem er so wunderbar umsorgt und so sehr gemocht wurde; dankbar dafür, ihn so unendlich lange an meiner Seite gehabt und mit ihm so ungeheuer viel erlebt zu haben.

Ich wäre nicht ohne ihn, er wäre nicht ohne mich.
Untrennbar.
Für immer.

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