24.7. – Eutin-Fissau

Ein Bericht von Ines Diepenbruck und Corinna Scholz:

Für Sureña und mich war Eutin-Fissau das erste Turnier. Als ich Corinna im Frühjahr von meiner Idee, Eutin zu nennen erzählte, grinste sie: „Eutin gibt es nur in zwei Varianten: irre heiß oder abgesoffen.“ Sie sollte Recht behalten. Dieses Jahr bekamen wir die letztere Variante zu spüren: Dauerregen, 13° C und Wind. Trotz des schlechten Wetters hatten wir morgens tapfer beschlossen, loszufahren. Wir hatten beide Lust auf die Prüfungen; Lust, uns und unsere Pferde zu präsentieren, und das Wetter konnte uns davon nicht abhalten.

Wir hatten dieselben Prüfungen genannt, da wir zusammen fahren wollten. Alles lief wie am Schnürchen (inklusive des Regens). Richtung Eutin wurde es immer heller und wir frohlockten schon ob des nahezu legendären „Corinna-Turnierwetter-Karmas“. Wobei ich schon ahnte, dass Petrus nach meiner langen Turnier-Abstinenz den Vertrag nicht verlängert hatte, aber ich musste immer mehr lachen, je näher wir Eutin kamen – es wurde heller!! In Eutin war es tatsächlich fast trocken, aber der Wind war eisig – selbst meine Winterjacke, die ich glücklicherweise dabei hatte (im Juli!!), hätte noch wärmer sein dürfen. Nun waren wir aber angekommen – und auch mit Auto und Anhänger irgendwie die Wiese hinaufgeschlittert – sagt der Typ an der Kasse doch tatsächlich „Ihr wisst, was Ihr mit einem Mercedes zu tun habt, oder?“ Ja, danke, weiß ich… Den Weg vom Hängerplatz zur Meldestelle und zu den Abreiteplätzen schlitterten wir lachend hinunter und waren angenehm überrascht über die Platzverhältnisse. Der Hauptplatz, auf dem unsere beiden Prüfungen stattfinden sollten, war angesichts des bereits Tage anhaltenden Regens wirklich gut und auch die Abreiteplätze waren größtenteils in Ordnung. Naja, zumindest der eine sah von außen noch so aus…

Die erste Prüfung – die Schwere Kür – war noch lange hin, aber irgendwie schafften wir es trotzdem, die Zeit so zu vertrödeln und uns zu spät mit unseren Pferden zu beschäftigen, dass wir praktisch beide mit Kaltstart in die Prüfung mussten. So spät waren wir eigentlich nicht dran, und es hätte zeitlich eigentlich passen sollen, tat es aber nicht. Will ich doch meinen. Aber diese kalte Nässe! Es glitschte alles durch die Finger, wir brauchten gefühlt halb so lange wie es dann tatsächlich wurde. Ich war leicht erschüttert, als wir unten ankamen und die einzigen beiden anwesenden Starter gerade gesiegerehrt werden sollten. STOP!!! Ich hatte noch ein paar Minuten mehr zum Abreiten als Corinna, da ich erst nach ihr reiten sollte. Die paar Blicke, die ich während meiner eigenen Vorbereitung auf Corinnas Ritt werfen konnten, zeigten leider einen noch sehr verspannten und sich festhaltenden Joya. Jepp, ihm fielen angesichts der im Stroh spielenden Kinder fast die Augen aus dem Kopf  🙂  Er hatte, unroutiniert, wie er ja nun noch war, schlicht keine Zeit, sich mit der Atmosphäre vertraut zu machen. Trotzdem ging er seine Kür fehlerlos und absolut super passend zur Musik, aber eben deutlich ohne Rücken, was sich auch sehr auf unsere Schritt-Tour auswirkte. Besonders dankbar war ich ihm für die gelungene Galopp-Tour: ohne vorher an diesem Tag schon einmal galoppiert zu sein, hielt er die Außengalopp-Schlangenlinien und die Traversalen super durch und sprang herrliche Wechsel – bisschen arg dynamisch vielleicht…

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Der Galopp war derzeit noch unsere Schwachstelle, und Sureña wollte beim Abreiten nicht rechts angaloppiern. Die Trabtour war noch wirklich phantastisch, mit schönem Schwung, für unsere Verhältnisse guten Traversalen und auch sonst gelungenen Seitengängen. Der Mitteltrab fühlte sich nach irre viel an, was man aber wohl von außen nicht sah. Nö 🙂 Ich dachte „da wollte sie wohl jetzt zulegen“… Wir waren der Musik voraus sah man auch nicht!, jedoch konnte ich dies durch eine leicht verlängerte Schritttour ausgleichen – gut! Die war super!!Auch der Schritt war ruhig und fließend; Sureña machte keine Anstalten ‚anzuzackeln‘, wie sie es gerne mal tut. Warum sollte sie. Das hatte Joya ja schon übernommen. Dann kam die Galopptour und im Protokoll stand später treffend dazu: „Arbeitsgalopp noch etwas frei.“ Ja, das kann ich vollkommen unterstützen, wenn ich es vielleicht auch anders ausgedrückt hätte 🙂 Wie – schleudernd??

Von Beginn der Galopptour an ging uns die Choreographie dann auch leider etwas verloren, da Sureña wie schon auf dem Abreiteplatz nur im Linksgalopp ansprang und wir so – einer schönen Außengaloppvolte folgend das kann nicht jeder!!– die geplante Choreographie nicht ganz halten konnten. Das ist ja das schöne an einer Kür, merkt ja keiner. Man fragt sich höchstens, ob das gewollt war oder staunt über die extravagante Linienführung!

Sureña und ich erritten uns in der Schweren Kür den dritten Platz. Dieser Ritt wird vermutlich der einzige Ritt sein, bei dem Sureña und ich uns vor Corinna platzieren konnten, somit wird er mir wohl allein schon deshalb ein Weilchen im Gedächtnis bleiben 🙂 Ich sah die Chancen auf eine Wiederholung direkt in der nächsten Prüfung kommen und meinte noch, Ines solle sie nutzen. Ich war in den Tagen vor dem Turnier immer unschlüssiger geworden, was ich zeigen sollte in der Offenen Kür – Garrocha? Da zog er immer schlechter. Freihändig? Artig, aber noch viel zu ungenau. Genügt meinem (zugegeben hohen) Anspruch noch längst nicht. Arbeit an der Hand? Halsring?? Ich war ratlos. Alles noch nicht so, dass es meinem Anspruch genügt hätte. Nahm ich also in milder Verzweiflung die Garrocha mal mit…

Die Pause zwischen der Schwere Kür und der Offenen Kür verbrachten wir größtenteils damit, uns und unsere Pferde umzuziehen. Das dauerte!!! Es glitschte alles, inzwischen gab es original nichts mehr, was noch trocken war – insbesondere unsere Finger konnten nichts mehr halten. Der Spaß ließ da echt mal ein bisschen nach, das wurde echt stressig. Ich nutzte die Pause, um mir einige Gedanken zu meiner Offenen Kür zu machen. Ich hatte eine Kür am Langen Zügel vorbereitet und machte mir einige Sorgen über den Boden und meine Möglichkeiten, in diesem sinnvoll hinter meiner Stute herzulaufen. In die Kür war eine Galopp-Phase eingearbeitet, und ich beschloss, diese sicherheitshalber wegzulassen und die Choreographie leicht zu verändern. Ja ja, Du machst es Dir schön leicht, nimmst ein einziges durchlaufendes Lied und erzählst dann noch was von „Choreographie ändern“!  🙂 UPS – ok, bin schon still. Ich hatte zum ersten Mal auch nur ein einziges durchlaufendes Lied mit. Und das auch noch mit Gesang. Rattenscharf für Garrocha, da Schritt und Galopp gut getrennt werden konnten, und einfach nur spanisch-schön. Ich musste meine Choreographie auch nicht ändern. Ich hatte keine.
Und so wagte ich mal wieder eine meiner typischen Spontan-Aktionen: anderer Sattel, anderes Gebiss, so in dieser Form mit Garrocha natürlich noch nie probiert, aber Hauptsache, nicht die Sachen, mit denen er zu Hause nicht mehr zog. Zu diesen meinen „Blitz-Eingebungen“ habe ich inzwischen ein sehr großes Vertrauen   🙂

Dieses Mal waren wir wirklich überpünktlich am Abreiteplatz und trotzdem ereilte uns dasselbe Schicksal wie vorher. Durch die Wetterbedingungen waren vermutlich einige Show-Auftritte ausgefallen und somit begrüßte man uns schon mit den Worten: „Der erste Teilnehmer der Offenen Kür kann schon reinkommen.“ Äh – ich?? Jetzt?? Ich wollte mein rückenloses Pferd eigentlich dieses Mal abreiten – dachte ich... Eigentlich sollte Corinna vor mir starten, da sie aber mehr Vorbereitungszeit benötigte, bot ich spontan einen Platztausch an. Ich bat die Richter um fünf Minuten zur Vorbereitung und stapfte zurück zum Abreiteplatz. Ich benötigte meine fünf Minuten nicht, da ich sonst vermutlich nicht mal mehr bis ins Viereck gekommen wäre, so kräfteraubend war das Gehen auf dem Boden des Abreiteplatzes. Fand Joya auch. Sureña war auch nicht begeistert von dem inzwischen sehr durchgepflügten Boden und ich bekam sie kaum vorwärts. Ja, das sagt mir was. Ein Pferd, was nicht in den Langen Zügel zieht, ist schon an normalen Tagen unangenehm, bei Dauerregen und Matsch unter den Füßen jedoch kaum noch händelbar – oder eben vorwärts zu bringen. Ist im Sattel nicht viel schöner – nur die Stiefel blieben länger, äh, sauber (sauber ist irgendwie das falsche Wort…) Ich beschloss also kurzerhand, dass Abreiten Abgehen? :- ) absolut überflüssig ist und machte mich direkt wieder auf den Weg ins Viereck. Es gab nun zwei Möglichkeiten: entweder, wir würden im Viereck neuen Schwung entwickeln oder gnadenlos absaufen (im wahrsten Sinne des Wortes). Der Boden des Prüfungsvierecks war besser als der auf dem Abreiteplatz und somit trat Variante A ein, was ich schon beim ersten Umrunden des Vierecks merkte. Glück gehabt! Derweil ich meinem zarten Schimmelchen Beine machte, der immer meinte, aus dem Regen raus zu wollen, weil er sich sonst – bestimmt! – auflösen würde.

Sureña wollte nicht stillstehen und der Gruß fiel recht kurz aus. Ich konnte mein Mädchen jedoch schnell wieder ausrichten und direkt in die geplante Linkstraversale schicken. Die Kür lief wie am Schnürchen. Ich hatte Zug (manchmal fast etwas viel), musste mich allerdings ziemlich auf den Boden konzentrieren und mehrfach mitlaufen statt zu gehen. Die Lektionen gelangen eine nach der anderen und Sureña und ich fühlten uns wohl. Die Zick-Zack-Traversale gelang so gut wie noch nie, auch die Verstärkung fühlte sich gut an. Deine Hinterhand-Aktivität war echt bemerkenswert! Trotz des Bodens beschloss ich kurzerhand, den Galopp doch zu wagen. Ich hatte nicht bedacht, dass ein Rechtsgalopp geplant war – Sureña sprang prompt im Außengalopp an. Egal! Der kurze Galopp und meine auf den Boden gerichtete Aufmerksamkeit brachten uns auf Abwege in der Choreographie. Wenn ich durch diese zwei Küren an diesem Tag etwas gelernt habe, dann zu Improvisieren. Ein Schlenker hier, einmal früher abgewendet und schon waren wir wieder auf der Mittellinie. Die Schlusslinie war wieder toll und wir standen direkt mit dem Ausklang der Musik. Eine tolle Kür – wenn ich auch hinterher konditionell völlig am Ende war und den allerkürzesten Weg aus dem Viereck suchte. Mann, war das anstrengend! (Einen Tag nach dem Turnier hatte ich Muskelkater in sämtlichen Bereichen meiner Oberschenkel…)
Ich keuchte Corinna noch ein „Viel Glück“ entgegen bevor ich mich an Sureña anlehnte und erst mal nach Luft schnappte. Die Zeit der Erholung konnte ich nutzen, um Corinnas Ritt zuzuschauen. Und was für ein Ritt das war! Corinna hatte noch vorher große Sorgen gehabt, da Joya nicht mehr zog, davon war hier nichts zu sehen. Das war Spaß, Lebensfreude, Leichtigkeit.
Oh, so schön? Ich kämpfte – der Hut drohte ständig wegzufliegen, die Zügel glitschten durch die Finger, die Garrocha fühlte sich an wie mit Moos überzogen, auf Joya konnte ich mich da nicht auch noch konzentrieren. Ich hörte, dass die Zuschauer anfingen zu klatschen während des Rittes und Joya zog tatsächlich recht gut und schien tatsächlich Spaß an der Sache zu haben, aber es war anstrengend – halt mal mit 2 Händen 3 Sachen fest – Hut, Garrocha, Zügel… Die letzte Galoppdrehung unter der Garrocha und der Schlussgruß erfolgten am durchhängenden Zügel, aber auf den Punkt zur Musik. Sehr geil. Ich konnte mich noch nicht so recht freuen, ich war echt alle. Aber ganz offensichtlich musste das gut gewesen sein. Nach ein paar Momenten Luft holen und den Süßen ausgiebigst loben drängte sich die Hoffnung auf den Sieg ins regennasse Hirn… Und tatsächlich! Ja! NEUN KOMMA NULL!!! Haha, lach, kicher, freu, grins… Der Sieg ging absolut verdient an Corinna und Joya. Sureña und ich folgten auf Platz zwei. Als mündliches Feedback gab es noch einmal ein großes Lob für Sureña und mich: Thieß Witt, der die Prüfung richtete, meinte, dass unsere Kür sehr schwer gewesen sei und wir uns sehr gut präsentiert hätten. Was will man mehr? Bei der Siegerehrung war Thieß nur noch begeistert und erwähnte das Wort „Rücken“ auch gar nicht mehr   🙂
Zur Ehrenrunde gab Corinna das Tempo vor – vielen Dank, für die schönen versammelten Galoppsprünge, die mich am Langen Zügel tatsächlich im Trab hinterherkommen ließen!
Oh, immer gerne. Ich habe ein wenig Joyas Terre-á-Terre-Talent ausgenutzt  🙂

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Ein großer Dank gilt an dieser Stelle auch meinen Eltern, die trotz des furchtbaren Wetters vom Urlaub auf Fehmarn nach Eutin kamen, um uns zuzujubeln, und die kurzerhand zum Fotografieren eingespannt wurden. Dadurch sind ein paar traumhafte verregnete Bilder entstanden. Ja! DANKE DANKE DANKE!!! Und DANKE an unsere beiden tollen Iberer… Wir fuhren so feuchtfröhlich nach Hause, es war irgendwann alles nur noch urkomisch. Alles war nass, eklig, glitschig, kalt. Und wir haben nur noch gelacht. Auf der Rückfahrt kam dann im Radio das „Negócio-Joya-Lied“ von Unheilig, „Geboren, um zu leben“. Puuhh, das ging nochmal so richtig an die Nieren. Jedes Ende ist ein Neubeginn. Die Tränen liefen – vor Trauer um Negócio, vor Freude über Joya, vor Dankbarkeit, dass alles so ist, wie es ist.

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