5.6. – Jübeker Pfingstmarkt

Ich war sehr gespannt, wie sich nach dem gestrigen tollen Tag mit Dón der heutige mit Nacariño gestalten würde. Er, der die ganzen Tage so sauber war, hatte sich nun aktiv um ein paar Flecken bemüht, denen war mit einem Schwamm und ein bisschen Wasser aber leicht beizukommen. Kein Vergleich mehr zur Boxenhaltung vorher, wo ich um eine komplette Wäsche vor einem Auftritt nie drumrum gekommen war. Oder vielmehr er.
Dieser Offenstall mit dem tollen Sand ist echt gigantisch. Ich habe ständig saubere Schimmel und wasche vor einer Veranstaltung nur noch den Schweif und bei Bedarf die Beine. Unglaublich!

Nacariño war zu Hause schon mal fantastisch auf den Hänger gegangen und stand völlig ruhig beim Fahren. Der Weg kam mir länger vor als gestern – das ist aber auch eine Tour…
Nach eineinhalb Stunden waren wir da, und Nacariño durfte runter und ließ sich brav darauf ein, angebunden mit seinem Heunetz am Hänger zu stehen.
Das Wetter hatte sich nochmal um Klassen gebessert, wir hatten den ganzen Tag Sonne und eine perfekte nordische Brise.

Heute wurden meine ersten beiden Schaubilder von anderen Mitstreitern begleitet – Andrea Blochwitz hatte zwei eigene Schaubilder und war mit der 22jährigen Flores of Blue dann noch bei mir mit dabei, was mich sehr freute; und zwei Show-Neulinge schnupperten die Jübeker Stadion-Luft: Mareike Rogat mit ihrer 8jährigen Friesenstute Femke fan Höpk’jer und die erst 12jährige Vanessa, die Mareikes 11jähriges Shetlandpony Sammy an der Hand vorstellte.

Wir begannen mit den „Variationen am Boden“.
Sammy war natürlich der Hingucker, vor allem für alle kleinen Mädchen 🙂

Mareike hatte mit Femke gut zu tun, ihr war die noch fehlende Routine deutlich anzumerken, und sie ist ohnehin ein sehr sportliches, athletisches Pferd. Sie hatte riesige Kulleraugen und traute sich längst nicht an alle Seiten des zum Glück sehr großen Platzes.
Mareike hat aber eine tolle Ruhe und ich konnte schön über’s Headset kommentieren, dass dieses unerfahrene Pferd einfach einen Moment braucht, um sich zu akklimatisieren, und Mareike dies sehr gut begleitet. Sie zeigte eine Mischung aus Arbeit an der Hand und am Langen Zügel.

Das machte Andrea auch, allerdings natürlich mit einer enormen Lässigkeit und Souveränität, die sich in den vielen gemeinsamen Jahren, die sie nun mit Flores zusammen ist, entwickelt hat. Flores war vor zwei Jahren sehr krank und ich habe mich echt gefreut, sie dabei haben zu können und so fit und gehfreudig zu erleben.
Hier gab es natürlich eine ziemlich große Lektionenvielfalt zu sehen.

Nacariño war anfangs reichlich aufgedreht, große Nüstern, große Augen, ich ließ ihn sich bewegen, er machte prima mit, war aber unter Strom. Und dann, von jetzt auf gleich (zum Glück noch auf der Abreitefläche) haute er ab – Betonhals, durchstarten, weg. Ich meinte, im Augenwinkel schräg hinter uns etwas wahrgenonmen zu haben, guckte da noch hin, sah aber nichts, was der Auslöser gewesen sein könnte, naja und dann dackelte ich ihm halt mal hinterher. Er raste zielstrebig Richtung Hänger, verschwand dort hinter dem Hügelchen und aus meinem Blickfeld. Ich trabte hinterher in der Hoffnung, dass da hinten irgendwo seine Bremse funktioniert haben möge.

Hatte sie. Er war eingesammelt worden und ließ sich brav festhalten. Ich nahm ihn wieder mit, alberte ein wenig mit ihm rum, aber wie das bei ihm manchmal so ist – das Abhauen hatte ihn ein wenig entspannt. Irrer Vogel, so hier und da muss das offenbar doch nochmal sein.

Viel Zeit hatten wir nun auch nicht mehr, ich ließ ihn noch mal neben mir galoppieren, um zu fühlen, wie er drauf ist, aber da war keine Abhaubereitschaft, er wollte mitmachen.
Da hatte ihn von hinten also wohl wirklich irgendwas erschreckt.

Ich richtete das Headset und wir gingen auf den Platz.

Heute fühlte ich mich beim Kommentieren viel wohler, ich wusste nun, wie das Headset klingt (das ist ja immer etwas anders, oft hört man sich doppelt oder verzerrt oder mit Hall oder so, hier war es minimal verzögert, aber sehr gut zu verstehen) und sabbelte etwas lockerer drauf los. Ich konnte gefühlt auch die anderen besser mit einbeziehen als gestern, obwohl ich erst dachte, dass das mit Nacariño bestimmt schwieriger werden würde. Aber er ließ mir die Zeit, mich zu den anderen umzusehen und so ging ich wieder auf manches ein, was die anderen zeigten oder bat alle, etwas Bestimmtes zu zeigen.



Es machte einfach Spaß. Nacariño hatte richtig Lust und machte toll mit. Er wird gefühlt wirklich immer schöner und ausdrucksvoller, das war hier wieder richtig zu spüren.
Ich muss immer aufpassen mit seinem Übereifer, ein Schnalzer zu viel und er ist sofort in der Luft, so muss ich auch mit Spanischen Schritten extrem behutsam umgehen.


Nacariño zeigte einige wunderbar versammelte Trabtritte.
Und dann ließen wir Sammy und ihn gemeinsam steigen.

Zu Hause war ja ganz kurz zuvor das Knien auf einmal mehr oder weniger abrufbar geworden und das wollte ich natürlich so furchtbar gerne zeigen. Kompliment war ja inzwischen ohnehin auf beiden Seiten sicher. Eigentlich.
Wenige Tage vor Pfingsten hatte er sich selbst beim Kompliment zwei Mal getreten (kommt davon, wenn man sich regelrecht auf den Boden wirft und die Beine nicht schnell genug sortiert…), und danach war alles kaputt. Ich bekam gar nichts mehr.
Kein Kompliment und Knien schon gar nicht.

Das nahm mich schon ein bisschen mit, zumal er sich das eine Mal ein bisschen weh getan hatte. Das musste einfach ruhiger werden. Ich nahm also wieder sein Bein in die Hand und hielt es, während er sich sinken ließ, und so bekam ich zu Hause das Kompliment nochmal, aber es wirkte, als hätte er den Spaß daran verloren.

Hier nun? Nacariño Rampensau. Unfassbar. Ich fragte, als wäre nie etwas gewesen, einfach ganz normal mit der Gerte an, so wie es zu Hause vor den blöden Zwischenfällen so sicher klappte. Nacariño zögerte überhaupt nicht, ließ sich sofort und ungeheuer tief sinken, und als ich dachte, er kommt gleich wieder hoch, nahm er wahr, dass er hier ja eine geniale Fressposition hat, rupfte sich ein Maul voll Gras ab und fraß im Kompliment in Ruhe weiter. Ich lachte, freute mich echt, und kommentierte über Headset, dass hier das Gras – wie praktisch! – konkrete Auswirkungen auf die Dauer des Kompliments hat 🙂

Ich ließ ihn hochkommen, lobte wie verrückt, und fragte einfach so wie immer die andere Seite an. Er ließ sich sofort sinken und blieb wieder unten und fraß Gras. Zu süß. Und so toll – das Kompliment war wieder da!

Ich ließ ihn hochkommen und fragte unter dem Bauch das gegenüberliegende Bein an. Im Sinkenlassen sagte ich ruhig „Beide. Nimm beide Beine.“ – und er kniete. Da war es wieder. Erst seit so kurzer Zeit überhaupt wieder da und hier jetzt so lässig, so einfach.
Das Gras verlängerte auch das Knien erheblich, Nacariño fand das total toll – ich erst Recht. Diese drei Momente machten mich enorm glücklich. Großartig!!

Ich ließ ihn noch neben mir galoppieren und erzählte, dass man später eigentlich schreiten soll, es den jungen Pferden aber oft hilft, wenn man erstmal mit galoppiert. Kaum ausgesprochen galoppierte Nacariño so versammelt, dass ich zum ersten Mal neben ihm schreiten konnte. Meine Güte, der hört echt immer zu. Unglaublich. Danach sprang er auch noch einmal aus dem Schritt so an, dass ich gar nicht erst mitspringen musste, ich konnte gleich weiter schreiten. Hammer. Flores passagierte derweil sehr ausdrucksvoll.

Und dazwischen strahlte er mich immer wieder an und man sah ihm wirklich die Freude und Begeisterung an. Das war so schön…!!

Genial auch noch der Moment, als ich ihn im Steigen provozierte, einen Schritt auf mich zu zu kommen. „Komm her! Komm! Komm zu mir!“ – und er machte einen Schritt. WOW…

Ganz große Klasse, was für ein schöner Auftakt. Gut, sein Abhauen vorher war unnötig, aber wenn er’s braucht… Am Hänger hängte er sich später noch einmal in’s Halfter, warum auch immer, und ich war nur heilfroh, dass das gute Lederhalfter hielt (vor einem Dreivierteljahr hätte er nochmal nachgesetzt und es gefetzt) und ich den Strick hinterher auch wieder abbekam. Nacariño eben. Mit sowas muss ich wohl noch eine Weile leben.
Kann ich gut, bei der Motivation und Freude, mit der er die Schaubilder absolviert.

Unser nächster Auftritt war das „Barocke Ensemble“. Andrea war wieder dabei, dieses Mal im Damensattel, Mareike ritt Femke und Vanessa führte Sammy. Da inzwischen ein bisschen Zeitverzug entstanden war, bat man uns, nicht zu lange zu machen. Wir beschlossen also, nicht abzusitzen, sondern „nur“ zu reiten.

Wir konnten aber gar nicht erst anfangen, da wurde noch gesabbelt und gesabbelt.

Aber dann wurde auch dieses ein wirklich super schönes Schaubild.
Ich kam so richtig rein ins Kommentieren, sah viel mehr von den anderen und konnte viel mehr dazu sagen.
Richtig toll fühlte es sich an, als ich neben Mareike und Femke Trabverstärkung und -versammlung zeigte und die beiden Pferde über weite Strecken im Gleichschritt und tatsächlich im selben Tempo gingen.

Auch neben Andrea ergaben sich schöne Momente, wir ritten auf beiden Händen nebeneinander Trabtraversalen. Das Publikum spendete wiederholt Szenenapplaus.
Und es war deutlich voller als gestern, hier war richtig gut was los!

Vanessa und Sammy tanzten Walzer…

Ich erklärte wieder, warum gerade auf so einem Boden ein gesetzter Galopp wichtig ist, damit das Pferd nicht wegrutscht. Nacariño galoppierte wiederholt so wunderbar erhaben an, das war eine pure Wonne. Und er hielt diesen Galopp teilweise echt lange.

Wir hatten so viele schöne Momente!!

Ich erzählte noch etwas zum einhändigen Reiten auf blanker Kandare und auch hier spielte Nacariño fantastisch mit. Vor allem der Galopp war wieder großartig. Gefühlt ist er so gut noch nie über etwas längere Strecken galoppiert!

Es gab noch den einen oder anderen schönen Spanischen Schritt – nicht regelmäßig und meist nur rechts, aber Nacariño dachte schön nach vorne.

Wir waren alle begeistert von unseren Pferden. Femke wirkte entspannter als morgens, Sammy war ohnehin völlig unbeeindruckt.

Ich machte neue Zöpfe in die inzwischen ziemlich verwuselte Mähne (wie kriegt man bei einem derart beweglichen Hals bloß den Zopf dazu, zu halten…? Geht mir bei Dón genau so…), denn nun stand für mich noch ein iberisches Solo an.
Die anderen brachten ihre Pferde nach Hause.

Ich hatte eine Menge Pläne für das letzte Schaubild und einiges an Equipment dabei. Kleine Flagge, große Flagge, Garrocha, Podest und – Banderillas. Ich wollte es wagen.
Ich hatte zu Hause noch zwei Mal mit freihändig rumexperimentiert und dachte nun seit zwei Tagen ununterbrochen darauf herum, wie ich Nacariño so an mir befestigen könne, dass ich uns im Zweifel sofort mit einem Handgriff würde trennen können. So richtig funktionierte keine meiner Ideen. Ihn mir wie früher Negócio und später Joya und Fàscino an den Bauch binden wollte ich aber auch nicht. Nicht dieses Pferd. Noch nicht. Später…
Ich hatte keine zündende Idee. Wenn ich die verknoteten Zügel auf den Hals legte, hatte ich (zu Hause) einen Hauch von Lenkung und konnte auf Stimme aus dem Galopp halten.
Das ging. Aber an etwas engere Wendungen oder Seitengänge war so nicht zu denken.
Ansonsten fühlte sich freihändig mit ihm aber schon jetzt so verlockend an…

Ich hatte den Gürtel mitgenommen. DEN Gürtel, ich habe einen speziellen dafür mit einem Haken, der an einen weiteren Haken eingehängt wird, mit denen die Zügel zusammengehalten werden. Diese Zügel hatte ich nicht eingeschnallt, ich wollte den Haken mit einem Haargummi am Zügelknoten befestigen, denn das würde bei entsprechender Belastung reißen. Nahm ich an.
Ich kam auf den Abreiteplatz, Nacariño machte ein paar erstaunlich großrahmige Bewegungen, von denen ich nicht wusste, woher die kamen, aber die dürfte er sich gerne merken. Ein paar enorm versammelte Galoppsprünge, ein Hauch Passage – merken! 

Er wurde wieder ruhiger, ich experimentierte mit dem Gürtel rum und stellte verblüfft fest, wie ungeheuer dehnbar so ein Haargummi ist, wenn Nacariño am anderen Ende hängt. Hätte ich nicht gedacht. Ich hatte den Gürtel wieder gelöst, irgendwie war es das alles nicht so Recht, da machte Nacariño wieder ein paar von diesen exaltierten Bewegungen. Warum bloß? Und in der nächsten Sekunde startete er durch. Nun wusste ich allerdings auch warum. Vom Showplatz kam der römische Kampfwagen in einem Affenzahn um die Kurve gebrezelt und Richtung Abreiteplatz. Nacariño schoss völlig von Sinnen davon, wusste gar nicht, wohin mit sich. Er machte einen beeindruckenden Courbette-Sprung (merken!!! Brav! Der Gute!!), das war richtig fühlbar. Er hob steigend ab, landete auf den Hinterbeinen und kam dann wieder runter. Wow. Merken für später. Ich wurde übellaunig, weil dieses Mähnenband nicht hielt (ich kann Sorgen haben…), sortierte das mit einer Hand, während ich mit der anderen versuchte, meinen wilden Schimmel zu bändigen, der kam wieder ein bisschen zu sich und ließ sich halbwegs durchparieren.

Hoppla, was war das denn?? Na gut, der Wagen hatte ihn nun echt erschreckt, ok. Runterfahren, loben, atmen, sortieren, bewegen lassen. Nacariño durfte traben und galoppieren und fühlte sich wieder einigermaßen gut an. Freihändig rückte mal eben in weite Ferne.

Und dann kam der römische Kampfwagen zurück. Wo immer der gewendet hatte, er hatte noch dasselbe Tempo drauf wie vorher. Der knallte diesen Weg lang als gäb’s kein Morgen.
Nacariño hörte und sah den kommen und ging durch. Völlig panisch und wie von Sinnen raste er in Richtung… Ja, in welche? Wusste er nicht so genau, Hauptsache rennen. Er war echt panisch. Ich hatte keine Chance zu lenken – links war der Showplatz, überall Flatterband, von hinten rechts kam der Kampfwagen. Der zwar viel schneller aussah als Nacariño, es aber offenbar nicht wahr. Nacariño raste in Lichtgeschwindigkeit Richtung Hängerparkplatz. Davor war noch ein Hügel, da standen eine Menge Leute und hinter dem Hügelchen wurden die beiden Voltigierpferde geführt, die als nächstes dran waren und die ebenfalls von dem Geratter dieses Gefährts völlig durch den Wind waren.
Ich sah diese Leute. Ich wusste, dass ich vorher nicht mehr würde wenden können. Wir hatten ein perverses Tempo drauf. Und dann war es, als hätte jemand zwei Filmstreifen übereinander gelegt. Der eine Film lief im Zeitraffer, das war Nacariño, wie er auf dieses Hügelchen zurannte, der andere Film stand. Das waren die Leute, die mir völlig erstarrt entgegen blickten. Da war eine Mutter mit Kind und ich betete nur, sie möge dieses Kind nicht beiseite ziehen wollen, aber das ging für alle viel zu schnell, witzigerweise bewegte sich überhaupt niemand. Das Bild war wirklich eingefroren. Und so passierte  – nichts.
Nacariño sprang direkt neben der Mutter mit Kind auf diesen Hügel, wollte oben noch steigen, ich drohte ihm Haue an, wenn er jetzt hier noch rückwärts diesen Hügel runterfallen sollte, er sprang irgendwie runter, der Kampfwagen war damit außer Sicht, und ich konnte Nacariño anhalten. Also „anhalten“ im Sinne von Stehen wäre jetzt zu viel gesagt, aber er rannte zumindest nicht weiter. Die Leute starrten mich an, als hätte ich grüne Antennen auf dem Kopf. Aber das Bild bewegte sich immerhin wieder – die aufgeregten Volti-Pferde wurden im Kreis geführt, irgendwelche Menschen liefen mir in den Weg (Augen auf! Gucken! Gefährliches Tier!!), und ich drückte Nacariño irgendwie zurück Richtung Abreiteplatz. Natürlich hatte ausgerechnet diese Nummer niemand fotografiert. Nacariño kriegt es irgendwie immer hin, dass kein Beweismaterial existiert.

Ich kam da unten irgendwie wieder an, die Voltis waren dran und die letzten Gespanne verließen die Bahn. Nacariño drehte wieder durch. Er konnte kein Gespann mehr sehen. Er fand es völlig unaushaltbar in der Nähe dieser Kutschen. Die Fahrer hatten zwar ihre Pferde im Griff, aber Nacariño konnte nicht einschätzen, wo die hin wollten und wollte nur wieder weg. Ich durfte nicht einen Hauch Bein anlegen, dann wäre er in der Luft gewesen, er schlängelte sich unter mir Richtung Hängerplatz, ich versuchte, ihn in der Nähe vom Showplatz zu behalten. Ich hatte Gott sei Dank schon das Headset bei mir, das hätte ich jetzt gar nicht mehr ummachen können. Ich hatte mir auch schon die Flagge geben lassen und nahm Nacariño damit jetzt so ein bisschen die Sicht, damit er nicht noch weiter Richtung Parkplatz driftete. Das war echt alles reichlich grenzwertig, was wir hier machten. Ich weiß nicht genau wie, aber irgendwie schaffte ich es, ihn zurück in Richtung Showplatz zu bugsieren. Die Voltis kamen raus, Nacariño wollte wieder abhauen, ich behielt ihn irgendwie in Gang und schob ihn Richtung Showplatz – und dann waren wir drauf. Ich schaltete das Headset an und sabbelte los, bei den ersten Worten hörte ich mir selbst an, dass ich außer Atem war. Ich musste erst einen Moment vor mich hin reden, um in Fluss zu kommen. 

Und da merkte jetzt auch ich mal, dass ich in sowas – sorry – echt eine coole Sau bin.
Jeder andere wäre längst abgesprungen und hätte sein Pferd nach Hause gebracht.
Ich nutzte die Gelegenheit, Nacariño auf dem Showplatz wieder zu sich kommen zu lassen. Er war wiederholt sehr steigewillig und immer zwischen „ich möchte gerne zuhören und mitmachen“ und „ich kann grad nicht“. Bei „ich kann grad nicht“ erzählte ich halt, dass ich ihn sich jetzt einen Moment finden lassen muss, bei „ich möchte gerne“ fragte ich ihn behutsam, was denn möglich ist. Ich ließ die kleine und dann die große Flagge ein wenig um seinen Kopf wehen, das machte er beides super. Es gab halt nur zwischendurch immer wieder diese Momente, in denen er sich plötzlich zurückzog und panisch werden wollte, um sich dann kurz darauf wieder einigermaßen zu entspannen. Er hatte echt noch mit dem zu tun, was da eben passiert war. Ich zog derweil so locker wie möglich mein Ding durch und ließ ihn machen.

Der Wind machte es mir nicht leicht – mit der kleinen Flagge schon nicht, mit der großen erst Recht nicht. Die hatte massiv ein Eigenleben.

Ich fühlte also, wohin sie weht und ritt dann so, dass sie nach hinten wehte. Die knallte ganz schön da über uns, aber das hielt Nacariño verblüffend gut aus.

Ich gab die Flagge ab und nahm die Garrocha, derweil sabbelte ich einfach so vor mich hin. Mit der Garrocha gab es dann auch ein Wechselspiel zwischen Hochspannung und relativer Entspannung, aber Nacariño ließ auch hier ein paar echt tolle Momente zu.

Nacariño suchte zwar immer wieder mit den Augen die Umgebung ab, aber so langsam kam ich ein bisschen zum Reiten. Ich war überrascht, wie wenig man von seiner Anspannung auf den Fotos sieht – er versteckt immer ganz viel, und in ihm drin brodelt es.

Und das, was ich dann plötzlich machte, brauchte ich jetzt einfach aus Trotz für mich selbst. Ich legte die Zügel auf den Hals und ritt freihändig. Zwar auf großen Linien ohne allzu viel Lenkung, aber Nacariño war gehorsam und hörte zu und blieb bei mir. Darauf hatte ich mich so gefreut und dann wurde uns das so verhagelt, nun brauchte ich irgendwie zumindest die „kleine Variante“ davon mit Zügeln auf dem Hals. Auch wenn ich die Banderillas dafür nicht in die Hand nahm. Meine Güte, dieses Pferd ist sechs – ich schätze, wir werden noch eine ganze Menge Banderillas vor uns haben. Es ist so irre, dass überhaupt all‘ das schon geht, was geht. Und dass all‘ das ging, was hier jetzt ging.

Viel mehr Reiten wollte ich nun auch nicht. Er hatte das großartig gemacht und kam immer mehr runter. Er konnte auch schon wieder ausatmen. Manchmal. Ein bisschen.
Die Leute waren total interessiert, die gingen nicht weg. Die sahen zu, die hörten zu, die waren interessiert und ganz aufmerksam, und mir scheint, das sind immer so die Vorführungen, mit denen ich ans Herz gehe. Mehr als mit denen, in denen es aussieht, als wäre ja alles so leicht und als geht ja immer alles. Hier erkennen sich die Leute mit eigenen Problemen viel mehr wieder. Hier sehen sie nicht zu und denken „Naja, aber mit meinem komme ich da ja eh nie hin“, hier bekommen sie eine Idee, wie man Schwierigkeiten begegnen kann. Etliche hatten ja vermutlich gesehen, wie Nacariño kurz zuvor noch über das Gelände fegte. Ich schätze, das hat man auf der anderen Seite vom Platz schon mitkriegen können. Und nun beruhigt er sich hier immer mehr, während er im Schaubild ist. Das hat glaube ich nicht nur mich beeindruckt.

Ich saß ab, spielte noch ein wenig an der Hand mit Nacariño rum, und da kam er nun deutlich mehr wieder zu sich – und zu mir. Er strahlte noch nicht, aber es blitzte schon wieder durch, wenn er mich anguckte. Er hatte Lust, mitzumachen und wurde verspielt.
Spanischer Schritt und Spanischer Trab war nur sehr kurz möglich, er war zu aufgedreht, ihm war nach Galopp. Der war dann aber auch äußerst lässig.

Ich fragte auch hier im Steigen wieder einen Schritt auf mich zu an – und bekam ihn!

  

Kompliment gelang auch. Er war in seinem Element.

Ich bedankte mich herzlich beim Publikum, es gab viel Applaus. Dies war das Abschluss-Schaubild dieses Tages und dieser Veranstaltung gewesen, ich wurde noch zum Interview gebeten. Ob Nacariño auch etwas sagen möchte? Und er blies schön hörbar ins Mikrofon 🙂

Nacariño hatte seine Fassung wieder, er durfte grasen und ich machte ihn in Ruhe verladefertig. Da merkte ich dann aber doch ganz schön, wie sich eine Menge Adrenalin abbaute. Und jetzt noch diese lange Heimfahrt…
Aber auch die überstanden wir und ich war gespannt, wie sich Nacariño, der ja zum Verarbeiten immer ein paar Tage braucht, danach anfühlen würde.

Ich würde sagen, diese verrückte Nummer hat unserer Beziehung nochmal einen echten Kick gegeben. Nacariño war so anhänglich und kuschelig wie noch nie am nächsten Tag.

Und wenn dieses Durchgehen etwas Gutes haben kann (und wer mich kennt, weiß, dass ich daran etwas Gutes finde), dann dass es keine Sekunde gegen den Reiter gerichtet war. Er wollte auch in voller Panik eigentlich gerne noch zuhören und so weit er es konnte, war er noch gehorsam dabei. Sonst hätte ich ihn an dieser Mutter mit Kind nicht vorbeilenken können. Und wir wären danach auch nicht so schnell durchpariert. Nacariño hat sich zum ersten Mal so spürbar wirklich bemüht, auf mich zu hören, die Panik war nur größer. Aber nichts davon ging gegen mich, das war deutlich spürbar. Und das war im Zweifel das wichtigste Erlebnis dieses Tages. Muss ich nicht wieder haben, aber gut, es gehabt zu haben. Ist ja nichts passiert 🙂

Freihändig entstand noch ein Foto, das war so toll, das musste ich dann doch mal bearbeiten. Ich mag das nicht, wenn an Bildern so viel verändert wird, aber hier musste ich dann doch mal fünf Zuschauer und einen Haufen Flatterband entfernen. Die Staubwolke verleiht diesem Foto eine unglaubliche Atmosphäre. Mein erklärtes Lieblingsbild von Nacariño an diesem Pfingstwochenende!

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