Problempferde

Problempferde werden nicht geboren – sie werden gemacht!

Ein “Steckenpferd” von mir ist die Arbeit mit “faulen” oder “schwierigen” Pferden – sie zu motivieren und zu freudiger Mitarbeit zu bewegen verlangt oft unkonventionelle Wege, beinhaltet aber häufig große Erfolgserlebnisse, denn:

JEDES PFERD WILL !

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Wir alle sind von Mustern geprägt, die uns in bestimmten Situationen in einer bestimmten Art und Weise reagieren lassen. Erfahrungen und Erinnerungen sind es, die unsere Handlungsweise und unsere Reaktionen von denen anderer in derselben Situation unterscheiden. Was für den einen eine Katastrophe ist, lässt den nächsten völlig kalt.
Auch unter uns gibt es „Kalt- und Vollbluttypen“ mit dem entsprechend belastbaren oder nicht belastbaren Nervenkostüm. Auch wir blühen in einer Umgebung, die uns gut tut, und umgeben von Menschen, die uns „richtig anfassen“ auf, auch wir können zerbrechen an falscher, unsachgemäßer Behandlung, Erziehung, Ausbildung.
Wie ein Pferd.

Wer noch glaubt, Pferde (bzw. Tiere im Allgemeinen) seien seelenlos, möge hier jetzt abbrechen. Der ist bei mir falsch.
Ich habe noch keine Pferdeseele vor mir liegen sehen, mich wird aber niemand von der Überzeugung abbringen, dass sie eine haben und es relativ einfach ist, Pferde und ihre Reaktionen zu verstehen.
Sie sind im Gegensatz zu uns Fluchttiere, wohl allgemein bekannt, und – was wohl auch keinem neu ist – können weitaus besser (aber eben anders!) sehen, hören, riechen.
Sie nutzen ihre Fähigkeiten für das, was sie in der Natur brauchen würden.
Wie wir.

Und nur, weil sie ihre Fähigkeiten anders nutzen als wir, sind sie weder „nicht intelligent“ noch gar „dumm“ oder „stur“. Wer diese Aussage trifft, stellt damit seine eigene Intelligenz, so vorhanden, in Frage.
Sie sind weitaus bessere Telepathen als wir Menschen, die wir durch die Benutzung der Sprache und des Sprechens die Fähigkeit zur „gedanklichen Unterhaltung“ weitgehend verloren haben. Babys haben sie noch – bis man sie ihnen abtrainiert.
Generell verlassen sich Menschen weitaus mehr auf das, was sie mit den beiden „normalen“ Augen sehen können als auf das, was ihr „drittes Auge“ wahrnimmt.

Wer sich mit „schwierigen“ Menschen oder Pferden umgibt, sollte diese Fähigkeit in sich nicht sterben lassen. Wir haben sie alle.
Use it or loose it…

Besonders reizvoll für mich ist also der Umgang mit „Problempferden“ im weitesten Sinne und hier auch die Arbeit mit Pferden, die immer wieder Taktunreinheiten zeigen, eine konkrete Lahmheitsdiagnose kann aber von keinem Tierarzt so recht gestellt werden. Solchen Pferden kann ein neues Bewegungsmuster helfen, sie müssen oft „nur“ in ein anderes Gleichgewicht gebracht werden, so dass dieses Korrekturreiten als „Krankengymnastik“ angesehen werden kann.

Häufig stellt sich durch eine dem Pferd individuell angepasste Art des Reitens in kürzester Zeit ein anderes Bewegungsmuster ein, welches – sofern keine tatsächlichen Schäden verfestigt wurden – lahmfrei ist.
Die Festigung der neuen Bewegungsmuster jedoch nimmt Zeit in Anspruch, so dass die anhaltende Korrektur eines Pferdes mit Taktunreinheiten bzw. Zügellahmheit nicht in wenigen Tagen oder Wochen abgeschlossen sein kann. Wie der Mensch fällt auch das Pferd jederzeit wieder in alte, erlernte Muster zurück, sofern nicht ständige konkrete Hilfestellung gegeben ist, um die alten Muster mit neuen zu überdecken.
Dem Reiter muss also auch klar sein, dass die Korrektur des Pferdes alleine nicht ausreicht, sofern die Muster des Reiters nicht ebenfalls verändert werden. Diese würden das alte Muster des Pferdes in kürzester Zeit wieder abrufen.

Taktunreinheiten und Zügellahmheit basiert i. d. R. auf einem Verhalten der Bewegung des Pferdes, einem Nicht-herauslassen. Sei es, dass der Reiter dem Schwung ausweichen möchte oder sein Augenmerk nicht auf der Hinterhand, dem „Motor“ hat, oder in erster Linie darum bemüht ist, den Kopf des Pferdes unbedingt in einer bestimmten Position zu halten – all’ das verhindert die freie Bewegung des Pferdes. Die Pferde halten daraufhin bestimmte Körperpartien fest, um den Druck aushalten zu können, und so verändert sich im Laufe der Zeit das Bewegungsmuster des gerittenen Pferdes. Ohne Reiter zeigen sich diese Pferde häufig ganz normal.
Ein Reiter, der Bewegungen zulässt und dem Pferd hierbei trotzdem noch den Halt geben kann, den es für sein Gleichgewicht braucht, wird die Taktunreinheiten in kurzer Zeit verschwinden lassen. Der Reiter, unter dem sie entstanden sind, wird dieses Bewegungsmuster jedoch sofort wieder abrufen können. Angst und Unwissenheit sind die häufigsten Gründe, warum Pferde in einem bestimmten Tempo und in einer bestimmten Körperhaltung geritten werden. Beides lässt sich abstellen!
Das Pferd trägt an körperlichen Gegebenheiten, an fester Muskulatur, an einem festen Kiefer und einem unnachgiebigen Genick, an Schwunglosigkeit oder auch einem „zuviel“ an Schwung KEINE SCHULD!
Der Reiter, der offensichtliche Probleme übergeht und sich diesen nicht stellt, bewegt sich in der großen Grauzone der Tierquälerei!

Das Hauptaugenmerk beim Beritt liegt auf einem freudig und zufrieden mitarbeitenden Pferd, dessen körperliche und geistige Fähigkeiten beachtet, verstanden und dann mit Gefühl gefördert werden.
Generell versuche ich, zuerst eine gute Arbeitsatmosphäre herzustellen und das Pferd auf mich einzustimmen. Mein Bemühen liegt stets darin, das Pferd in die Lage zu versetzen, seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten positiv zu nutzen. Dazu gehört Achtung und Respekt vor dem Pferd, aber keine Angst; das Herauslassen von Bewegungen (auch unerwünschten!), Halt zu geben ohne einzuengen; und sofort – sofort! – zu reagieren, wenn das Pferd auch nur im Ansatz das Richtige zu tun versucht. Die Pferde sollen mutig sein, sich trauen dürfen, Dinge anzubieten. So gibt es ein „Nein“ tatsächlich in nur ganz seltenen Ausnahmefällen, beim Reiten eigentlich überhaupt nicht. Was immer das Pferd gerade tut, irgendwie fühlt es sich dazu veranlasst. Sei es, dass es meint, sich wehren oder schützen zu müssen, sei es aus Angst oder Unverständnis. Es ist am Reiter, zu erkennen, warum ein Pferd eine bestimmte Reaktion zeigt und aus dieser Reaktion das Gewünschte hervorzuholen. Das Pferd kann eigentlich keine Fehler machen. Jedes Pferd stellt ständig Fragen an seinen Reiter – soll ich so, soll ich dies, soll ich jetzt…? Doch nur wenige Reiter sind in der Lage, die Fragen zu „hören“ und entsprechend zu beantworten. Das letztlich ist das Geheimnis guten Reitens. Dem Pferd zuzuhören, auch mal Angebote anzunehmen und sich darüber freuen zu können, und dem Pferd das Gefühl zu geben, es sei auf die vom Reiter gewünschte Lektion von selbst gekommen. Gutes Reiten verlangt ein hohes Maß an technischer Versiertheit in der Hilfengebung, ein reichliches theoretisches Hintergrundwissen, aber all’ das reicht, mag es auch in noch so hohem Maße vorhanden sein, nicht aus, wenn das wichtigste überhaupt fehlt: Gefühl. Einfühlungsvermögen. Achtung. Freundlichkeit. Zuneigung. Das Wissen, dass es das Pferd einem immer Recht machen will – und das auch tun würde, wenn man es denn nur ließe.

Überforderung eines Pferdes darf nicht sein, aber ständige Unterforderung kann für ein Pferd genauso furchtbar sein. So sollte das Pferd ein Mitspracherecht haben bei der Wahl der Reitweise – die sich oft hauptsächlich in ihrer Ausrüstung und Kleidung von anderen Reitweisen unterscheidet…

RAUS AUS SCHABLONEN!

Der inzwischen fast 26jährige Fàscino war sicherlich das schwierigste Pferd, das ich je hatte. Aus ihm wurde schließlich das beste und vielseitigste Pferd, das mir je begegnet ist.
Er ist seit seiner Geburt an meiner Seite und so kenne ich ihn so gut wie kein anderes Pferd. Alles, was wir beide zusammen sind, haben wir uns zusammen erarbeitet. Und das ist eine ungeheure Menge an Möglichkeiten. Durch seine Epilepsie und einen großen Hang zur Hysterie war seine Ausbildung in einem Maße schwierig und kompliziert, dass ich, als er älter (und souveräner) wurde, sagte, „so einen halte ich nicht nochmal aus“.
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Und dann kam er. Im September 2015 kreuzte der gerade 5 Jahre alt gewordene P.R.E. Nacariño meinen Weg. Eigentlich kam er als Korrekturpferd zu mir. Für acht Wochen.
Schicksal, Fügung, Bestimmung – wir sind füreinander bestimmt. Er ist das mit Abstand schwierigste Pferd meines Lebens – und das will nach den Erfahrungen mit Fàscino etwas heißen! Das Wort „schwierig“ allerdings missfällt mir bei ihm, denn er wurde schlicht nicht verstanden. Er ist kompliziert – noch. Aber: er wird absolut großartig! Ohne die Erfahrungen mit Fàscino und denen der letzten mehr als dreißig Jahre wäre ich ihm nicht gewachsen. Diesem Pferd ist ohnehin nur eine Handvoll Menschen gewachsen. Ich bin so froh, dass wir uns gefunden haben… Aber das war ohnehin vorbestimmt und unausweichlich.
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Martina S. aus Hildesheim nach dem Workshop „Das schwierige Pferd“ am 1.6.09: „Guten Morgen, ich hatte während der Heimfahrt 3,5 Stunden Zeit, nochmal in Ruhe die letzten zwei Tage Revue passieren zu lassen, und kann nur sagen: DANKE!!!!!!!!! Es ist nicht nur der Weg, den Du uns gezeigt hast, sondern unsere Seelen sind gestreichelt worden. Fridus wie auch meine. Ich hatte doch schon den Glauben an ihn verloren und er hat das gespürt. Ich wünsche Euch allen eine wunderbare Zeit, viele liebe Grüße an alle von Fridu und Martina“

Am 19.8.09 schrieb Martina: „Hallo Corinna, es ist soooo großartig. Wir waren gestern abend das erste mal wieder in der Halle. Auf dem Weg nach oben zur Halle hat Fridu ganz schön gezögert. Er hatte ja, bevor wir bei Dir waren, die Reithalle in nicht guter Erinnerung gehabt und wollte nicht hinein gehen. Aber als wir in der Halle waren, hat er sich nur an die Bodenarbeit erinnert und war super konzentriert. Er brauchte nicht mal zu laufen. Habe ich aber trotzdem gemacht und er hat das erste mal im Ansatz mit mir gespielt. Es war so toll. Dann habe ich sogar die ersten Tritte im Trab an der Hand gemacht und er ließ sich jedesmal sofort wieder runter schalten. …
Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber der Süße hat sich so unglaublich verändert. Jegliche Worte der Dankesbekundung fallen mir jetzt ein… aber ein schlichtes von Herzen kommendes Danke trifft es am meisten… Ich freue mich schon riesig auf das Septemper-Wochenende. Liebe Grüße senden dir Fridu und Martina“

Und das schrieb Martina Mitte September: „Hallo meine Süße, hier mal was für die Seele. Wahrscheinlich mehr für meine als für Deine, aber Du bist ja der Grund. Die Bilder hat meine Freundin am letzten Wochenende gemacht, also super aktuell. Die Veränderung von Fridu ist so fantastisch, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Inzwischen ist er so aktiv und bei der Sache, dass er sich gerne mal von hinten überholt und dann etwas ins Trudeln gerät. Er hat am Popo so zugenommen, dass er jetzt hinten deutlich mehr ist als vorne. Du erinnerst dich, wie er im Juni noch aussah. Ein mächtiges Vorderpferd mit ein bischen Hinterhand. Die beiden anderen Bilder sind ca. vor einem dreiviertel Jahr. Da war ich schon so verzweifelt, dass ich jemanden suchte, der ihn besser reiten kann als ich. Das Ergebnis siehst Du auf den Bildern. Ich glaubte auch, dass er mein Gewicht nicht tragen konnte.
Ich habe mit Fridu eine neue Zeitrechnung begonnen. Wir rechnen nur noch in der Zeit seit Corinna. Kann man Dich nicht klonen? Dann könnte ich Dich mit nach Hause nehmen. Ich freue mich schon wieder wahnsinnig auf das Wochenende bei Euch, auch ohne den Süßen. Ganz liebe Grüße von Fridu und Martina“

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Wiebke H. aus Flensburg: „Liebe Corinna, vielen vielen Dank für alles! Ali Baba ist jetzt nach fünf Monaten wieder zu Hause und zeigt mir jeden Tag, wie gut ihm die Zeit bei Dir und in der Wüstenkate getan hat. Wie kam es dazu…? Einen Tag im Winter war ich bei einer ehemaligen Miteinstellerin zum Zusehen mit, da war für mich klar, hier muss ich mit Ali Baba, meinem vierjährigen Welsh Cob Wallach, herkommen. Denn sofort gefiel mir die Art, in der Du mit den Pferden umgingst, nicht nur Deinen eigenen, sondern auch denen Deiner Schüler. Konsequent, manchmal auch deutlich, aber immer wieder verspielt, mit ganz viel Liebe und Zuneigung, immer mit Spaß bei der Sache und vor allen Dingen niemals nachtragend.
Also kam Ali zu Dir, zunächst für drei, dann schnell verlängert auf fünf Wochen. Da gab es reichlich zu lernen für ihn (und wie sich herausstellte, für mich noch viel mehr!), denn wir zwei hatten uns zu Hause irgendwann völlig festgefahren, Ali rannte mir im Trab nur noch weg. Und so wurden aus diesen fünf Wochen schließlich fünf Monate, denn erst jetzt habe ich so halbwegs verinnerlicht, wie ich ihn reiten muss; dass er Führung braucht, dass er aber auch das Loslassen braucht. Und auch er hat sich verändert und gefestigt.
Diese fünf Monate waren eine tolle Erfahrung für mich. Du hast mich sozusagen an die Hand genommen (auch an die Longe…) und mir den Umgang und natürlich das Reiten meines Pferdes neu gezeigt, hast mich langsam wieder aufgebaut, mir immer wieder Mut gemacht, auch für mich völlig „unmögliche“ Dinge (wie z.B. loslassen…) zu tun. Du hast uns auf den richtigen Weg gebracht und ich hoffe, wir können ihn, weiterhin auf deine Hilfe bauend, weitergehen und ausbauen. Natürlich bin ich froh, Ali Baba jetzt wieder in der Nähe zu haben, aber Du wirst uns fehlen… Aber – wir kommen wieder!“

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