19.7. – Eutin-Fissau

Und wieder einmal Eutin!
Ich hatte mit Joya die schwere Kür und die Offene Kür mit zwei Starts genannt. Wobei ich noch nicht genau wusste, was ich reiten wollte. Er hatte diese Prüfung drei Mal mit der Garrocha gewonnen; wenn also wieder Garrocha, musste ich da irgendwas mal anders machen als sonst. Nicht, um es nicht ein viertes Mal zu gewinnen, sondern damit dem Richter nicht langweilig wurde.
🙂

Die schwere Kür cancelte ich. Die war vormittags, der Tag wäre sehr lang geworden.
Und überhaupt war ich morgens sehr wenig entschlussfreudig, war doch Gewitter und ganz viel Nass von oben angesagt. Wie war das noch mit Eutin…??

Auch wenn solche Turniere Mangelware sind, bei Gewitter?
Hmmm…

Ich verfolgte die Wettervorhersage und erklärte schließlich doch Startbereitschaft für die Offene Kür. Hatte ich doch in der Zeiteinteilung – also vier Tage vorher! – gesehen, dass ich wieder für ein Schaubild eingeplant war. Nach der Offenen Kür, 30 Minuten! Meine Güte! Das warf meine Planung ganz schön durcheinander – doch Fàsci mitnehmen und etwas mit beiden machen? Fàsci in der Offenen Kür einen Start abgeben und freihändig reiten? Das verwarf ich kurz zuvor, als ich es mit Fàsci noch einmal zu Hause machte und er entdeckte, dass ich ja tatsächlich keinen Einfluss auf seine Haltung habe dann. Ach!
Das fühlte sich also für eine Prüfung zu blöd an, so dass ich das verwarf.
Also probierte ich es mit Joya noch einmal, der es ja nicht so mag, wenn ich ihn „am Bauch“ habe, aber Zügel nur auf den Hals legen – der Überraschungseffekt von der Platzeinweihung in Auufer – funktionierte hier nun leider auch nicht mehr. Er war sehr lustig und ließ mich ganz schön auflaufen. Also doch den Gürtel geholt und noch einmal mit Einhaken probiert – und es war großartig! Es ging! Auf einmal!
Ich konnte im Galopp unter der Garrocha wenden und alles mögliche machen, und er machte mit. Und danach juckte Eutin natürlich trotz Wettervorhersage reichlich, zumal ich aufgrund des Schaubildes nicht mehr absagen mochte – „Wir brauchen Dich und Deinen Live-Kommentar!!“ Nun denn…

Beim Abreiten kamen noch ein paar Tropfen runter – und das war’s. Es blieb trocken! Es war kalt, verblüffend kalt, aber davon merkte ich ja kurze Zeit später nichts mehr. Eutin bei so „neutralem“ Wetter habe ich noch nie erlebt. Trocken, keine Bremsen – was für ein Genuss!

Und so startete ich mit Joya in der ersten Kür mit der Garrocha. Beim Abreiten war er reichlich frech, ungeheuer fein an den Hilfen (überfein, ich durfte kaum ran) und überdreht. Ich probierte schließlich freihändig und schnallte den Gürtel prompt deutlich kürzer als zu Hause und hatte schon ein bisschen Sorge, dass er nur ja nicht anfing, zu steigen. Das hätte verheerend werden können. 

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Ich hatte ziemlich viel Zeit, das war gut, irgendwann fuhr er sich endlich ein bisschen runter und ging nachher tatsächlich einen wirklich guten Schritt. Und dann kamen die Ponys vom Showplatz auf den Abreiteplatz geschossen in wilder Fahrt und reichlich unkontrolliert und es war vorbei mit dem gutem Schritt. Joya terre-á-terrte über den Abreiteplatz, war schon schön, aber kontraproduktiv für die Kür, in der ich „Un Amor“ als Musik hatte, was schön in Schritt und Galopp aufgeteilt reitbar ist, allerdings mit eben relativ viel Schritt.

Wir gingen in der Kür nicht ganz so viel Schritt, wie die Musik hergegeben hätte, aber die Schritt-Tour wurde besser als erwartet. Joya war nicht mehr ganz so hochsensibel wie beim Abreiten, und so wagte ich es nach gut zwei Minuten und hängte den Gürtel ein.

Ach, dieses herrliche Pferd… Er war heiß, ich musste noch ein, zwei Mal anfassen, aber er ließ sich wenden, sprang Wechsel und am Ende auch eine doppelte Pirouette freihändig.
War das schön!!!

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Danach hieß es ganz schnell umziehen – zum Glück waren alle genannten Starter auch da. Waren nur vier. Ulrike mit ihrer Koekoeksblom zeigte wieder wunderbare Zirzensik, und Julia mit Fey war ohne Sattel und Halsring unterwegs. Von ihr sah ich nichts, da ich da Joya auf den Halsring einstimmte. Puh – eben noch am Bauch festgemacht, jetzt so viel Freiheit, damit konnte mein Heißblut gar nicht umgehen. Bisschen viel Freiraum. Er hatte nur Quatsch im Kopf.

Auch im Viereck. Er fing gut an, Spanischer Schritt und Traversale im Wechsel, als ich dann aber antrabte, schüttelte er den Kopf und wurde höchst albern. Ich fragte Spanischen Trab an, er galoppierte unerhört versammelt an und sagte „Und? Was willst Du jetzt machen? Gar nix kannst Du machen!“ – und blöderweise hatte er auch noch Recht.
Also machte ich nichts gegen diese tollen Galoppsprünge, sondern nutzte sie – zur Musik passte ohnehin nichts mehr, er war viel zu früh angaloppiert, also lächeln und nehmen, was geht. Patentrezept, um ihn wieder auf meine Seite zu bringen. Er machte danach wieder toll mit, ging einen großartigen Spanischen Trab, schöne Trabtraversalen und eine tolle Pirouette.

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Dann wechselte ich Gerte gegen Fahne. Die durfte ich rechts, links, vorne, hinten, oben, unten durch die Gegend ziehen, ihm lange Strecken über den Kopf legen – er lief weiter als wäre die nicht da. Ganz großartig! Das gab dann auch mehrfach Szenenapplaus.

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Zum Schlussgruß ließ ich ihn steigen, er war einen Moment überrascht. Das Steigen war nicht sonderlich hoch, also fragte ich ein zweites an. Jetzt war er nicht mehr überrascht. Meine Güte! Einen Moment dachte ich, das kann er nicht halten. Er stieg so kerzengerade und blieb einen Augenblick oben, weil er sich da echt ein wenig verschätzt hatte. Ich schnappte nach Luft. Was für eine Kraft. Puh! 
Er kam wieder runter (weiter atmen), das hatte er selbst wohl auch hoch gefunden.
Hossa!

Tanja hatte mit dieser Aktion leider nicht mehr gerechnet und die Kamera schon sinken lassen… Über das zweite Steigen wurde sich im Protokoll auch beeindruckt geäußert.
🙂

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Wir durften gleich im Viereck bleiben zu Siegerehrung – ich konnte mir vorstellen, dass Joya hier mit der Garrocha unser vierter Sieg gelungen sein könnte.
Und so war es, auch wenn wir er geteilt wurde. Koekoeksblom und Joya siegten in dieser Kür, und Richter Thieß Witt meinte, das sei das Beste gewesen, was er je von uns gesehen hatte. Freu!
Zweiter wurden wir dann gleich auch noch mal, dieses Mal zusammen mit Julia und Fey. Es gab keine Wertnoten (sehr schade!), sondern diese beiden ersten und die beiden zweiten Plätze. Finde ich ja immer nicht sehr glücklich, aber an Joya – und später auf dem Armaturenbrett – sah’s schick aus 
🙂

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Noch einmal ein wenig umziehen für das Schaubild. Headset anlegen, los ging’s. Ich erzählte ein wenig, worauf es beim Reiten mit Halsring ankommt, wie man anfangen kann und wie sich die Hilfengebung verändert und Joya machte schön mit. So langsam wurde er ein bisschen ruhiger. Aber auch nur ein bisschen. Ein Schnalzer zu viel und ich hatte 1000 Volt unter mir. Ich versuchte, keinen zu viel zu machen und bekam einen tollen Spanischen Schritt und Spanischen Trab. Und nicht nur das. Das interessierte und begeisterungsfähige Publikum applaudierte immer wieder zwischendurch bei guten Momenten. Zu und zu schön!

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Ich nahm noch einen Moment die Fahne dazu, was wieder großartig klappte.

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Und auch jetzt ließ ich ihn noch einmal steigen zum Abschluss. Ob er sich nun vorhin vor seiner eigenen Courage erschreckt hatte oder einfach entspannter war jetzt – er stieg nicht noch einmal so hoch (ein Glück), sondern wunderbar kontrolliert und mit kraftvoller Ruhe. Das fühlte sich toll an! Meiner Haltung sieht man an, dass ich vorsichtshalber auf mehr Höhe eingestellt war…
🙂

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Sattel ab, Halfter drauf – Zirzensik. Joya nahm meine ersten Anfragen nach einem Kompliment nicht ernst, sondern staunte derweil das Publikum an. Schließlich zeigte er aber auf beiden Seiten ein ruhiges, lang ausgehaltenes Kompliment.

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Ich spielte noch ein wenig mit den „üblichen Verdächtigen“ rum, Spanischer Schritt und so, und das Gefühl war gut, er war bei mir, und so wagte ich es zum ersten Mal auf einem so großen Platz (mit so vielen Ausgängen…), ihn loszulassen. Also komplett frei.
Im Möschenhof hatten wir ja noch eine Halle dafür, hier war es nun ein großer Platz mit reichlich Ablenkung.
Na und? Joya war total und absolut bei mir. Wir spielten, wir tobten nur so über den Platz, dass es eine Wonne war. Ich konnte ihn mit Gerte zu mir holen, er kam angesaust, sprang auf mich zu, drehte sich, es war unglaublich. Er war so schön, so stolz, so kraftvoll…

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Und ging auf einmal die beste Laufcourbette, die ich je bei ihm gesehen hatte. Vier kraftvolle, große Schritte! Hammer! Was für ein gigantischer Anblick!

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Wir fanden schwer ein Ende. Es war so schön, so verspielt, so energiegeladen.
Schließlich hörten wir aber doch auf, Jackie nahm mich in den Arm, bedankte sich und überreichte mir noch einen kleinen Pokal und eine Tüte hochverdienter Leckerlies für Joya.

Auf dem Heimweg, der durch eine Sperrung länger und etwas kurvenreicher geriet als gedacht, fing es an zu regnen. Pfffff, wen stört das denn jetzt noch…!!!
Was für ein Tag…
Ich wusste ja, dass ich mich hinterher freuen würde. Und deswegen war ich gefahren.
Und nun freute ich mich und war froh, gefahren zu sein.
Mit diesem wunderbaren Pferd.

Danke, mein toller Joya!!

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