12.5. – Seminar-Besuch

Die Bedeutung von Piaffe und Passage
im System der klassisch-barocken Reiterei

Institut für klassische Reiterei Hannover e.V.

Vormittag:
Begrüßung und Einführung der Teilnehmer/Innen durch den Präsidenten
des Instituts für klassische Reiterei, Herrn Richard Hinrichs
Allgemeine theoretische Grundlagen der klassisch-barocken Reiterei:
– theoretische Grundlagen für die Ausführung der Piaffe
– das Piaffieren mit Pferden unterschiedlicher Ausbildungsstufen
– positive Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des Pferdes

Nachmittag:
– Theoretische Grundlagen für die Ausführung der Passage
– Ausbildung in der Passage
– Positive Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des Pferdes

Was für ein großartiger Tag! Das Wetter meinte es gut mit uns – wann immer wir uns unter freiem Himmel befanden, war es trocken, wenn auch kalt und windig, aber die Regenschauer kamen runter, während wir in der Halle schöne Bilder genossen.
Herr Hinrichs begrüßte, auf dem 15jährigen P.R.E. Amando sitzend, die ca. 50 Teilnehmer. Der Theorie-Teil fiel sehr kurz aus, der „Mann der Praxis“ demonstrierte lieber am lebenden Objekt, was sich hinter „in Spannung gehaltener Harmonie“ und „frisch an die hohe Leistung“ verbirgt sowie die Wichtigkeit der jederzeit abrufbaren Dehnungshaltung.

Die Grundbegriffe der klassisch-barocken (und nicht nur dieser…) Reiterei sind für Hinrichs Vertrauen, Gehorsam und Gleichgewicht. Auch wenn hier von systematischer Ausbildung die Rede war, durfte dies doch keineswegs mit „einheitlich“ verwechselt werden, denn die Methoden waren so vielfältig wie die Pferde, auch wenn das Ziel im Endeffekt bei allen ähnlich ist. In jedem System können (und sollten) verschiedene Methoden zum Einsatz kommen; das Wort „richtig“ wurde hier durch „passend“ erstetzt. Man kann jedes gute Prinzip pervertieren!

Da die sich in der Versammlung die Unterstützungsfläche verringert, insbesondere, wenn sich in der Piaffe die Hinterbeine den Vorderbeinen annähern, wird das Gleichgewicht hier störanfälliger. Ein schöner Vergleich war hier die Straßenbahn – stehen wir mit dicht aneinander gestellten Füßen, also auf kleiner Unterstützungsfläche, werden wir uns beim Halten festhalten (wollen). Die breitbeinige Stellung – also auf mehr Fläche – lässt uns sicherer balancieren. Fein abgestimmte Pferde werden mit zunehmendem Können also nicht nur sicherer im Gleichgewicht, sondern gleichzeitig damit auch anfälliger durch Störungen, insbesondere durch unzweckmäßige Hand- bzw. Schenkeleinwirkung. Dies war im Nachmittagsteil an dem weit ausgebildeten Friesenhengst Eyk unter Dr. Sandra Heine zu beobachten, der in der Trabverstärkung (die phasenweise mehr einem ausdrucksvollen Spanischen Trab glich) wiederholt angaloppierte, was die Reiterin durch den klar anstehenden inneren Zügel nach und nach verhindern konnte. Hier also auch bei einem weit geförderten Pferd korrekterweise einmal deutlich mehr in der Hand zu haben, erklärte Richard Hinrichs durch den uns ein Leben lang begleitenden Umstand der natürlichen Schiefe.
Auf diese wurde im Verlauf des Tages ohnehin immer wieder eingegangen, trat sie doch bei dem erst 5jährigen Neuzugang im Stall Hinrichs, dem hübschen dunkelbraunen Hannoveraner „Herzensbrecher“, noch sehr sichtbar auf.
Biegsamkeit kann nicht bei allen Pferden gleich hergestellt und gefordert werden, so ist es durchaus möglich, Pferde, denen starke Biegung schwer fällt oder nicht möglich ist, auch in relativ geradem Gerittenwerden durchlässig und geschmeidig zu machen.
Fällt dem Pferd eine gewisse Biegsamkeit schwer, kann es aus der Biegung in die Piaffe geradeaus entlassen werden und wird so die Piaffe schätzen lernen. Weg davon, die Piaffe immer mit „Kraft“ und „Kondition“ zu verbinden und „mehr mehr mehr…“ – dies kann dem Pferd jede Lektion, die so betrachtet wird, verleiden!
Eine Idee zum Biegen ohne Zügeleinwirkung im Halten ist das „Gras aus dem Steigbügel fressen lassen“.
Eine Verbesserung des Ausdrucks kann schon erreicht werden, wenn bei jedem Umstellen auf freieres Vortreten geachtet wird.

Erst Kultur, dann Kondition! Nicht gegen die Kondition anarbeiten müssen beim (jungen) unkultivierten Pferd. Insbesondere der hübsche Herzensbrecher zeigte, dass bei ihm im Vergleich von Kultur und Natur die Natur noch im Vordergrund steht. 🙂
Insgesamt ging es immer wieder um den Wert kurzer Reprisen, insbesondere, als bei einer 13jährigen P.R.E.-Stute die Levade entwickelt wurde. Viele kurze Reprisen fördern Kraft und Kondition, nehmen aber nicht die Motivation.
So kann dem weiter geförderten Pferd (und auch dem Reiter) der Übergang zwischen Piaffe und Passage dadurch erleichtert werden, dazwischen einen Trabtritt – der für den Betrachter später nicht mehr sichtbar sein muss – zu denken. Dies nimmt den Stress, aus der Bewegung mit geringer Unterstützungsfläche innerhalb eines Trittes in die Passage (mit deutlich größerer Unterstützungsfläche) hineinzuschwingen.
Auf die Frage, was in der Piaffe bei sich hinten streichenden Pferden zu tun sei, gab Richard Hinrichs zu bedenken, dass das Kreuzen der Beine eine Ermüdungserscheinung sein kann – kurze Reprisen…

Immer wieder wurde auch auf den Turniersport eingegangen. Z. B. dass der Wunsch nach flachen, weiten Bewegungen den Verstärkungen entgegenkommen mag, inzwischen aber durchaus erkannt wurde, dass eben diese ausdrucksvollen Piaffen und Passagen im Wege stehen können. So mag der Galopp vieler Barockpferde ausgezeichnet zu setzen und damit für Pirouetten prädestiniert sein, jedoch kann ein extrem starkes Setzen den Viertakt begünstigen und damit fliegende Wechsel, insbesondere à Tempi, erschweren.
Galopp und Passage können durchaus Zielkonflikte entstehen lassen, während sich Galopp und Piaffe ergänzen können
Die fünf Grundgangarten des überragenden FN-Dressurpferdes?
Schritt, Trab, Galopp, Piaffe und Passage   🙂

Überhaupt war der Tag – bei aller Präzision und Kultur – wieder durchsetzt von Witz.
„Tritt leise auf und hab den Knüppel dabei“
„Pferde verstehen viel mehr, Menschen viel weniger als man denkt…“
„Wenn sie Takt und Schwung verlieren, beginnt das Pferd zu kommandieren“
„Das wichtigste Instrument des Feinmechanikers ist nicht der Vorschlaghammer“
„auf manchen guten Gedanken kommt man erst, wenn man sie sich selber macht“
„Wir richten erstmal gerade und dann reiten wir alles, was wir wollen“ (Egon v. Neindorff)
Aus der früher oft gehörten Aufforderung „heute noch!“ wurde inzwischen „jetzt!“, da diese Formulierung noch präziser ist.

Auch das Thema Ausbinder wurde gewohnt flexibel gehandhabt. Ausprobieren wurde angeraten, je nach Temperament von Pferd und Ausbilder können Ausbinder zweckmäßig und zielführend, umgekehrt aber auch unter Zwang setzen und damit kontraproduktiv sein.

Der Gedanke, für die Passage die Hinterbeine nicht in ihrer Aktion zu verstärken, sondern zu verlangsamen, brachte den gewünschten Effekt bei dem 6jährigen Friesenhengst Mr. Darcy unter Irene Raab-Hinrichs und dem 7jährigen Freiberger Emerito unter Julia Thut.
Die Aktion der Vorderbeine verbesserte Richard Hinrichs bei dem Lusitanohengst Untado durch einige wenige Galoppsprünge und durch Piaffe in Stellung. Die Veränderung der Stellung Biegung fiel Untado schwer, so dass er, entlassen in die gerade Piaffe, enorm an Ausdruck gewann.

Generell sprach sich Richard Hinrichs dafür aus, mal mehr von der Hinterhand weg zur Vorhand zu kommen beim Beobachten und Bestimmen, dies sorgt für mehr Schulterfreiheit und Setzen („der Feind schaut auf die Füße, der Freund schaut ins Gesicht“)

Der ausgesprochen redselige 18jährige Kladruberhengst Nuha unter Irene Raab-Hinrichs zeigte neben Piaffen und Passagen auch sehr gesetzte Pirouetten und Serienwechel bis 1 Tempi und das Senken der Kruppe in der Levade und ihren Ansätzen.

Zeitgleich war der 8jährige P.R.E. Fabuloso unter der wunderschön sitzenden Denise Reumschüssel in der Bahn – an ihm demonstrierte Richard Hinrichs eine eher unkonventionelle Art des Hinterbeine-winkelns, denn hier liegt (noch) eine Schwäche dieses schönes dunkelgrauen Hengstes, der sehr motiviert ein Hinterbein nach dem anderen etliche Sekunden hoch hielt – wirklich hoch. Daraufhin wurden die Tritte an der Hand zunehmend ausdrucksvoller. So sehr Hinrichs sich auch bei der idealen Piaffe wünscht, auf der Kruppe ein volles Wasserglas abstellen zu können, so sehr braucht er aber einen beweglichen Rücken. Und so nahm er bei diesem Pferd dynamische Hinterhandbewegungen gern in Kauf, da hierdurch der Rücken sichtbar in Bewegung kam.
Unter dem Sattel schließlich demonstrierten Denise und Fabuloso das behutsame Aufrichten aus der Dehnungshaltung heraus – ein elastisches, vertrauensvolles Pferd in einer großartigen Demonstration ehrlicher klassischer Reiterei!

Für die Levade wurde deutlich, dass eine Piaffe, in der die Hinterhufe nicht über die Höhe der Fessel hinaus abfußen, das Senken der Kruppe deutlich mehr ermöglicht als hoch federnde Hinterfüße bei vielleicht gar noch „springender“ Kruppe. Gerte senken und den Blick auf die Schulter legen, um diese zu mehr Aktion zu animieren war die Aufgabe von Andrea Hinz mit ihrer bewegungsfreudigen, sensiblen P.R.E.-Stute. Die Gerte „in der Situation“ zu lassen war eine weitere Aufgabe, zudem das Absenken der Hände. „Der Dirigent hat den Taktstock nicht, um damit sein Orchester zu verhauen – heben und senken der Hände zeigen Anfang und Ende an!“

Idealerweise senkt sich das Pferd so tief, dass es aus der Levade „aufsteht“. Das Anziehen der Vorderbeine, was neben der gesenkten Kruppe für Richard Hinrichs die Levade ausmacht und vom Steigen unterscheidet, ist nur möglich, wenn das Pferd den Rücken für diesen Moment nicht mehr aufwölbt, sondern hinter dem Widerrist „ein Loch“ entsteht.

Die Mittagspause fand im Spargelhof Heuer bei einem reichhaltigen und wirklich ausgezeichneten Spargelessen statt. Aufgelockert wurde der Tag durch zwei weitere Pausen und gute Gespräche auf der Stallgasse.

Ein wieder einmal absolut lohnendes Seminar, angefüllt mit schönen inneren Bildern und Ideen für die weitere Arbeit sind wir nach Hause gefahren.

Gestaltet haben diesen Tag – und dafür vielen Dank!:

Richard Hinrichs mit dem 15jährigen P.R.E. Schimmel „Amando“
Irene Raab-Hinrichs mit dem 5jährigen dunkelbraunen Hannoveraner „Herzensbrecher“
Denise Reumschüssel mit der braunen Hessenstute „Chessina“
Susanne Depping und der 8jährige Friesenhengst „Noach“
Nicole Wallbaum mit dem 6jährigen Friesen „Aramis“
Andrea Hinz mit ihrer 13jährigen P.R.E.-Schimmelstute
Frauke Ebsen mit ihrem 12jährigen falbfarbenen skandinavischen Kaltblut-Traber
Irene Raab-Hinrichs mit dem 6jährigen Friesenhengst „Mr. Darcy“
Julia Thut mit dem 7jährigen braunen Freiberger „Emerito“
Richard Hinrichs mit der schwarzbraunen Cockerspanielhündin „Enja“ 🙂
Denise Reumschüssel mit dem 9jährigen Kladruber Rapphengst „Horus“
Carina Fuhrmann mit dem 14jährigen Andalusier Schimmel „Marino“
Richard Hinrichs mit dem Lusitano Schimmelhengst „Untado“
Irene Raab-Hinrichs mit dem 18jährigen Lusitano Rapphengst „Nuha“
Denise Reumschüssel mit dem 8jährigen dunkelgrauen P.R.E.-Hengst „Fabuloso“
Dr. Sandra Heine mit dem Friesen „Eyk“ und Andrea Schmitz mit dem P.R.E. Schimmel „Alegre“, aus deren Pas de deux schließlich mit der 13jährigen Josephine mit P.R.E. „Bailador“ (eigentlich ein Schimmel, hier jedoch zur Musik von Pippi Langstrumpf als Tigerschecke erscheinend) ein Pas de Trois wurde
Richard Hinrichs mit dem 18jährigen Kladruber „Favory Ravella“ am Langen Zügel

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