Juni

Am Pfingstmontag nahm ich Nacariño mit zum Jübeker Pfingstmarkt. Hier erlebten wir neben etlichen wunderbaren Momenten auch ein paar richtig schlimme Minuten – mehr zu diesem Tag ist hier zu lesen. Dón war am Pfingstsonntag mit, sein Bericht ist hier.
Also nicht seiner, aber der Bericht zu dem Tag mit ihm 🙂

Eine Woche später hatten wir noch einmal ein extrem brenzliges Erlebnis auf dem VFD-Working-Equitation-Turnier in Heist. Der Bericht zu Heist ist hier zu lesen.

Diese beiden nicht ungefährlichen Situationen hatten aber deutlich fühlbar mit uns etwas gemacht, oder mir vielmehr gezeigt, was in den letzten Monaten mit uns passiert ist.
Nacariño versuchte auch in Panik noch auf mich zu reagieren und gehorsam zu sein, etwas, was er noch vor einem halben Jahr nicht getan hätte. Auf keinen Fall in dieser Deutlichkeit.
Und nach diesen beiden Erlebnissen wurde er nochmal viel kuscheliger und anhänglicher als zuvor. Er, der anfangs so überhaupt kein Kuschler war, fordert inzwischen regelrecht ein, dass ich seinen Kopf in den Arm nehme, ihn kraule und kratze.
Und sein Blick… Da geht mir echt jedes Mal das Herz auf, wenn er mich anguckt.

Ich war vor Heist extrem gespannt auf den Trail – im September hatte Nacariño seinen bis dato ersten und letzten Trail-Parcours gesehen, und da hatte ich ja nicht die geringste Chance, ihn über die Brücke zu bewegen. Und so war ich natürlich restlos begeistert, als zwei Tage vor Heist Doris ganz euphorisch ankam „Komm mal mit, Du musst mal gucken…“ und doch tatsächlich eine von Carsten gebaute Brücke auf der Wiese lag!
Diese lässt sich mit einem Handgriff zur Wippe umfunktionieren. Total klasse.
Und so konnte ich Nacariño da noch einmal an der Hand rübergehen lassen, was er verblüffend lässig machte.

In Heist ging er dann ja einen absolut großartigen Trail – kein Vergleich zu unserem ersten Versuch vor einem Dreivierteljahr!

Wenige Tage später wagte ich dann auch die Wippe – Nacariño ging rauf, über die Mitte, die Wippe wippte runter, er blieb einfach stehen und überlegte. Kein panisches Runterspringen, er dachte einfach nur nach. Und dann ging er brav runter. Ich war geflasht. Genau so machte er es auch ein zweites Mal und das dritte Mal hätte ich mal lassen sollen, da wusste er dann, was kommt und sprang leider runter. Und nicht nur runter  – auf der Wiese wurde gerade Heu gemacht und das Tor stand offen. Nacariño sprang praktisch direkt von der Wippe auf die Wiese und donnerte in einem Affenzahn davon. Nicht weiter schlimm, in dieser Richtung konnte nichts passieren (ich nahm an, dass er nicht in den fahrenden Trecker springen würde. Tat er auch nicht). Ich sammelte ihn wieder ein, ging wieder zur Wippe, noch nicht ganz in der Mitte sprang er direkt los Richtung Wiese und gab wieder Vollgas. Es war eine Wonne, seinem kraftvollen Galopp zuzuschauen, aber es war das erste Mal, dass er mir hier abhaute. Schade eigentlich.

Ich sammelte ihn wieder ein, ließ die Wippe Wippe sein, beschäftigte mich so eine Weile mit ihm und er kriegte sich wieder ein. Danach machte ich ihn erst wieder in Ruhe mit der Brücke vertraut – bei den ersten Versuchen war er noch sehr auf Wippe gepolt und zeigte seine typische Mimik und Körperhaltung, die er annimmt, kurz bevor er abhaut. So weit kam es aber nicht, alles war gut.

Doris und ich bauten so nach und nach einen kleinen Trail-Parcours auf mit lauter schönen Sachen. Und da konnte Nacariño plötzlich nicht mehr zwischen den Stäben zum Becher umsetzen stehen bleiben. Warum auch immer. In Heist hatte er das – Überraschungseffekt – so toll gemacht, hier nun war an ein Anhalten zwischen den Stäben nicht mehr zu denken. Das löste ich an einem Vormittag zu Fuß, indem ich ihn wieder und wieder zwischen den Stäben anhielt, bis er das aushalten konnte. Mal ein Schritt vor, mal einer zurück, immer wieder mal mit einem Keks, bis er sich entspannte. Danach konnte er dann auch unter dem Sattel wieder super stehen und warten.

Überhaupt taten diese Trail-Hindernisse ihm gut. Ich muss ungeheuer auf seine Mimik aufpassen, ich will nicht, dass er mir hier abhaut, da er vom Hof runter im Prinzip nur direkt auf die Straße kann, auf der reichlich schnell gefahren wird. Das wäre überhaupt nicht witzig. Und so habe ich ihn auch noch nie bis nach vorne zur Straße gehen lassen in der Hoffnung, dass er, wenn er mir hier abhauen sollte, so vertraut mit Stall, Stallgasse und dem Weg zur Weide ist, dass er dorthin abwenden würde. An diesen Trail-Hindernissen war ich also extrem wachsam, merkte aber auch, wie viel größer Nacariños Bereitschaft inzwischen geworden ist, sich auf Dinge einzulassen.

Reiterlich erlebte ich auch viele schöne Momente – unter anderem war ich ja so heiß drauf, ihn freihändig zu reiten, und so sehr ich suchte, die perfekte Lösung dafür, ihn mir „an den Bauch zu binden“, aber so, dass sich das im Notfall öffnet, hatte ich noch nicht gefunden.
Und so horchte ich an einem schönen sonnigen Tag auf seine Stimmung und mein Gefühl, hatte den Zügel und den Gürtel dafür eingeschnallt, und als sich alles gut und richtig anfühlte, klickte ich den Gürtel in den Zügel.
Ich machte zwei oder drei kurze Reprisen, aber die waren jeweils toll. Ich fragte bewusst noch keine großen Sachen an (kann er ja auch noch gar nicht), ich ließ die Linien bewusst groß, es ging mir nur um ein erstes Gefühl und einen ersten Hauch von Lenkbarkeit. Und das bekam ich. Und sogar aus dem Schritt ein tolles Angaloppieren mit Pirouetten-Idee, so dass der erste Sprung schön versammelt war, und das Durchparieren auf Pfiff klappte immer.
Mein Grinsen wurde immer breiter und dann hatte ich ihn wieder vom Gürtel losgemacht, hatte den Zügel einhändig in der Hand, ließ ihn noch einmal aus der Schrittpirouette angaloppieren, und da spürte man richtig, dass er gerade überhaupt nicht nachdachte, sondern einfach meine Hilfe durchließ, und so sprang er drei saubere Pirouetten-Sprünge. Im dritten fing er wieder an zu denken, stellte fest, dass er das noch gar nicht kann und ging raus. Ich war total happy, das hatte sich echt großartig angefühlt – wenn er sich irgendwann dazu entschließen könnte, mir das Denken zu überlassen (mein Kopf, seine Beine…) dann kann dieses Pferd einfach alles. Ist alles schon da. Hält er bloß noch fest, indem er immer wieder an den falschen Stellen mitdenkt 🙂

Mitte Juni hatte ich überraschend ein mehr oder weniger freies Wochenende, weil der Tag der offenen Tür im Möschenhof leider ausfiel, und so fuhr ich sehr spontan mit beiden Pferden nach Heist. Es war einfach toll, wie die beiden dort zu händeln waren – Nacariño ließ sich prima verladen, ich konnte beide an der befahrenen Straße am Hänger anbinden und fertig machen, mit ihnen zusammen und zwei vollen Armen durch das schmale Tor gehen, sie dann dort in zwei Boxen stellen und erst den einen, dann den anderen rausnehmen. Sie wieherten sich hinterher, aber das war alles so wunderbar unkompliziert. Beide gleichzeitig hatte ich ja noch nie mitgenommen (außer zum Turnier, aber nicht für’s Gelände), und so ritt ich einen nach dem anderen.

Nacariño war toll. Oberklasse. Er sprang unglaublich gut und sicher und mit so spürbarer Freude und Ehrgeiz, dass ich ihn nachher einmal über einen Sprung schickte, der schon etwas andere Abmessungen hatte als alles, was wir bislang je gesprungen waren.
Dazu ermutigte mich auch der Sattel, in dem ich saß – ich hatte meinen alten UBO aus dem Keller geholt. Dieser wunderbare Springsattel ist gute 40 Jahre alt und hat mich durch meine gesamte Military-Zeit begleitet. Ich fühlte mich sofort wieder so wohl darin und war hellauf begeistert, dass beide Pferde diesen Sattel gut aushalten können.
Nacariño war völlig unkompliziert mit dem Sattel, und das gute Gefühl verlockte zu größeren Sprüngen. Nacariño war über weite Strecken toll rittig, es machte einfach pur Spaß!

Auf den großen Wall galoppierte er problemlos rauf, um dann aber nicht wieder runter zu wollen. Er blieb auf halber Höhe stehen und versuchte ernsthaft, rückwärts wieder hoch zu krabbeln. Als ich treiben wollte, damit er runter geht, dachte er kurz darüber nach, zu steigen – das wäre hier sicher interessant geworden. Er ging schließlich runter und machte, unten angekommen, einen sehr tiefen Atemzug. Dieser Wall hatte ihn etwas überrascht.

Das Wasser überraschte ihn weniger – er wollte da rein! Sofort! Schnell! Nochmal!

      

Das war einfach nur toll, toll, toll!
Ich brachte Nacariño in die Box und ritt Dón. Und danach holte ich Nacariño nochmal als Handpferd dazu. Ich kriegte es nicht hin, dass sie durch den Teich galoppierten, aber enorm dynamisches Traben war machbar 🙂

Unsere ersten Versuche (kurz vor der Nordpferd), zu dritt zu springen, waren ja kläglich gescheitert. Hier nun dachte ich, fühlt sich alles gut an, es müsste doch möglich sein…
…und es war möglich. Unsere ersten Sprünge zu dritt! Sowas großartiges!!

  

Nacariño war höchst angriffslustig über und nach dem Sprung, die beiden wurden sehr albern. Es sei ihnen gegönnt, sie machten das einfach klasse!

Ende Juni halfen meine Jungs Doris beim Heckenschnitt – Gärtner bei der Arbeit!

 

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